Bisphenol A – BPA im Trinkwasser – Wie groß ist das Risiko?
Bisphenol A (BPA) ist eine in der Industrie weit verbreitete Chemikalie. Sie wird hauptsächlich als Grundstoff für die Herstellung von Kunststoffen und Epoxidharzen verwendet. Diese Materialien kommen unter anderem auch im Bereich der Trinkwasserversorgung zum Einsatz – etwa bei der Innenbeschichtung von Rohrleitungen oder in Armaturen und Dichtungen.
In den letzten Jahren ist BPA zunehmend in den Fokus geraten. Der Stoff gilt als endokriner Disruptor – das heißt, er kann hormonelle Prozesse im menschlichen Körper beeinflussen. Doch wie groß ist das Risiko, dass BPA ins Trinkwasser gelangt? Und was bedeutet das für die Gesundheit?1
Es gibt zwei mögliche Eintragswege für BPA in das Trinkwasser:
Über das Rohwasser
In die Umwelt gelangt BPA in erster Linie über industrielle Abwässer und Kläranlagen. Von dort kann es in Oberflächengewässer und Grundwasser eingetragen werden. Allerdings zeigt die aktuelle Datenlage: In Deutschland ist der Eintrag über das Rohwasser nur von untergeordneter Bedeutung. Eine Studie des DVGW-Technologiezentrums Wasser (TZW) aus dem Jahr 2019 hat BPA in 63 Trinkwasserproben untersucht. Dabei wurden keine Gehalte über der analytischen Nachweisgrenze von 0,005 µg/l festgestellt – weder im Wasserwerk noch im Verteilungsnetz.2
Aus Materialien in der Hausinstallation
Deutlich relevanter ist der Eintrag aus Trinkwasserleitungen der Hausinstallation, welche mit Epoxidharz saniert wurden. In der Vergangenheit kamen bei solchen Relinings häufig Epoxidharze zum Einsatz, die BPA als Ausgangsstoff enthielten. Unter bestimmten Bedingungen – vor allem bei erhöhten Temperaturen – kann sich BPA aus diesen Beschichtungen lösen und ins Trinkwasser übergehen.
Eine Schweizer Bipro-Studie (Promotec 2015) belegt: Bei unsachgemäß ausgeführten Sanierungen wurden in Warmwasserproben teils deutlich erhöhte BPA-Gehalte gemessen – im Bereich von 30 µg/l und lokal sogar noch darüber.3 Auch die DVGW-Studie W 200902 beschreibt, dass bei ungünstigen Kombinationen von Materialwahl, Temperatur und Stagnation relevante Migrationen von BPA in das Wasser auftreten können.4
Welche gesundheitlichen Risiken birgt BPA?
Bisphenol A (BPA) gehört heute zu den am besten untersuchten endokrinen Disruptoren. Wird im Leitungswasser Bisphenol A nachgewiesen, kann der Stoff im menschlichen Körper hormonähnlich wirken und insbesondere den Östrogen-Stoffwechsel beeinflussen.
Dadurch können verschiedene hormonabhängige Prozesse gestört werden und langfristig die Gesundheit beeinträchtigen.
Zu den möglichen gesundheitlichen Auswirkungen einer dauerhaften oder erhöhten BPA-Belastung zählen unter anderem:
- Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit bei Männern und Frauen
→ durch Störungen in der hormonellen Regulation der Fortpflanzung - Entwicklungsstörungen bei Föten und Kleinkindern
→ etwa durch hormonelle Fehlsteuerungen in sensiblen Wachstumsphasen - Störungen des Immunsystems
→ mögliche Auswirkungen auf die Abwehrkräfte und das Entzündungsgeschehen - Erhöhtes Risiko für Stoffwechselerkrankungen, wie zum Beispiel Typ-2-Diabetes
- Mögliche Zusammenhänge mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, etwa durch Beeinflussung von Blutdruckregulation und Gefäßfunktion.5
Dennoch bleibt BPA in vielen langlebigen Produkten, beispielsweise in älteren Rohrbeschichtungen oder Kunststoffarmaturen, weiterhin ein potenzieller Eintragspfad in das Trinkwasser. Vor diesem Hintergrund gilt es, besonders bei Neubauten, Sanierungen und in sensiblen Anwendungsbereichen auf die Wahl BPA-freier Materialien zu achten.
Bisphenol A (BPA) gehört zu den sogenannten endokrinen Disruptoren. Das bedeutet: Die Substanz kann im menschlichen Körper hormonähnlich wirken und dabei insbesondere den Östrogenhaushalt beeinflussen.
Eine akute Vergiftung durch BPA im Trinkwasser ist nicht bekannt. Das gesundheitliche Risiko entsteht vielmehr durch eine dauerhafte oder wiederholte Aufnahme selbst geringer Mengen, da BPA sich im Körper nicht dauerhaft anreichert, aber bei ständiger Zufuhr immer wieder wirksam werden kann.
Wissenschaftliche Studien haben verschiedene Zusammenhänge zwischen BPA-Exposition und gesundheitlichen Effekten aufgezeigt:
- Hormonelle Veränderungen: BPA wirkt als synthetisches Östrogen und kann dadurch die hormonelle Balance stören. Mögliche Symptome sind Zyklusstörungen oder veränderte Hormonspiegel.
- Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit: Sowohl bei Frauen als auch bei Männern kann BPA die Fruchtbarkeit reduzieren.
- Entwicklungsstörungen bei Kindern: Besonders kritisch ist BPA in sensiblen Entwicklungsphasen – etwa im Mutterleib oder in der frühen Kindheit. Störungen des Immunsystems: BPA kann immunmodulierend wirken und dadurch Entzündungsprozesse verstärken oder Allergieneigungen beeinflussen.
- Stoffwechselstörungen und Typ-2-Diabetes: Eine chronische Belastung mit BPA wird mit einem erhöhten Risiko für Stoffwechselerkrankungen, insbesondere Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes, in Verbindung gebracht.
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Studien zeigen Hinweise, dass BPA möglicherweise Blutdruckregulation und Gefäßfunktion beeinträchtigen kann, was langfristig das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen könnte.6
Die umfassende Studie des DVGW-Technologiezentrums Wasser (TZW) aus dem Jahr 2019 zeigt: In der öffentlichen Trinkwasserversorgung in Deutschland sind derzeit keine relevanten Belastungen mit BPA feststellbar. In über 60 untersuchten Proben aus Wasserwerken und Verteilungsnetzen lagen die BPA-Konzentrationen durchweg unter der Nachweisgrenze von 0,005 µg/l.
Anders kann die Situation jedoch innerhalb von Gebäuden aussehen – insbesondere in der Hausinstallation:
Sanierung der Trinkwasserleitungen mit Epoxidharz? Risiko für Bisphenol A
In den vergangenen Jahrzehnten wurden bei der Sanierung von Trinkwasserleitungen häufig sogenannte Epoxidharz Beschichtungen eingesetzt. Ziel dieser Maßnahme war es, korrodierte oder beschädigte Rohrleitungen von innen mit einer neuen, glatten Schutzschicht zu versehen – ohne die Rohre komplett austauschen zu müssen. Dieses Verfahren wird auch als Relining bezeichnet.
Für diese Beschichtungen kamen vielfach Epoxidharze auf Basis von Bisphenol A (BPA) zum Einsatz.
Dabei handelt es sich um Kunstharze, die BPA als Ausgangsstoff enthalten und im ausgehärteten Zustand eine dichte Innenbeschichtung bilden sollen. Gerade bei älteren Sanierungsverfahren oder bei unsachgemäßer Verarbeitung kann es jedoch dazu kommen, dass Restmengen von BPA aus der Beschichtung über die Jahre hinweg in das Trinkwasser abgegeben werden.
Dies betrifft vor allem Situationen, in denen die Harze nicht vollständig ausgehärtet wurden oder durch Alterungsprozesse im Laufe der Zeit degradieren.
Wie relevant dieses Risiko sein kann, zeigt unter anderem eine Schweizer Bipro-Studie (Promotec 2015): In dieser Untersuchung wurden bei unsachgemäß sanierten Rohrleitungen erhöhte BPA-Konzentrationen im Warmwasser gemessen – teils bis zu 30 Mikrogramm pro Liter (µg/l). Das entspricht mehr als dem Zwölffachen des heute geltenden gesetzlichen Grenzwerts von 2,5 µg/l. Solche Fälle sind zwar nicht die Regel, zeigen jedoch, dass fehlerhafte oder veraltete Sanierungsverfahren durchaus ein gesundheitsrelevantes Problem darstellen können.
Die Freisetzung von BPA aus Epoxidharz ist stark temperaturabhängig. Mit steigender Temperatur beschleunigen sich die chemischen und physikalischen Prozesse, durch die sich BPA aus der Rohrinnenbeschichtung löst:
- Erhöhte Molekularbewegung im Harz bei Temperaturen über 40 °C
- Beschleunigte Hydrolyse von Restmonomeren (BPA-haltigen Bestandteilen) im Harz
- Schnellerer Übergang von BPA ins umgebende Wasser
Zusätzlich verschärfen lange Stagnationszeiten (z. B. in selten genutzten Leitungsabschnitten oder Speichern) das Problem: Je länger das Wasser im Rohr verbleibt, desto mehr BPA kann sich anreichern.
Auch Kaltwasserleitungen können betroffen sein: In selten genutzten Leitungen – etwa im Garten, in leerstehenden Wohnungen oder in Ferienhäusern – kann sich das Wasser besonders im Sommer erheblich erwärmen. Aufgrund des Klimawandels steigen die durchschnittlichen Umgebungstemperaturen, und auch in Gebäuden klettern die Raumtemperaturen in den Sommermonaten regelmäßig über 25 °C (VIEGA Raumtemperaturen über 30 Grad). Studien zeigen, dass in schlecht isolierten Bereichen oder Schächten selbst Kaltwasser Temperaturen von über 25 °C erreichen kann – ein kritischer Wert nicht nur im Hinblick auf mikrobiologische Risiken, sondern auch hinsichtlich temperaturabhängiger Stofffreisetzungen wie BPA (Kaltwasser trotz Klimawandel | Viega Österreich). Damit verliert die Unterscheidung zwischen Kalt- und Warmwasser zunehmend an Relevanz, wenn es um das Risiko einer chemischen Belastung geht.
Ein effektives Temperaturmanagement sowie die regelmäßige Nutzung aller Leitungsabschnitte sind daher entscheidend, um die Wasserqualität auch im Sommer zu sichern.
Seit 2023 ist der Grenzwert für Bisphenol A (BPA) auch in Deutschland rechtlich verbindlich geregelt: Die aktuelle Trinkwasserverordnung 20236 übernimmt die Vorgaben der EU-Trinkwasserrichtlinie 2020/21847 und legt für BPA einen Grenzwert von 2,5 µg/l im Trinkwasser fest.
Bereits zuvor hatte das Umweltbundesamt (UBA) in seinen Empfehlungen für Materialien im Kontakt mit Trinkwasser den sogenannten MTCtap-Wert (Maximum Tolerable Concentration at tap) ebenfalls auf 2,5 µg/l festgelegt.
Darüber hinaus hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) im Jahr 2023 den tolerierbaren Tageswert (TDI) für die Aufnahme von BPA deutlich verschärft. Der TDI wurde von bislang 4 µg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag auf nur noch 0,2 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag gesenkt.
Eine gezielte Analyse auf BPA im Trinkwasser ist besonders sinnvoll, wenn folgende Punkte zutreffen:
☐ Das Gebäude weist ältere Rohrsanierungen mit Epoxidharzbeschichtungen auf.
☐ Es ist nicht nachweisbar, ob bei Sanierungen BPA-freie Harze verwendet wurden.
☐ Das Warmwasser wird für empfindliche Anwendungen genutzt, z. B. zur Zubereitung von Babynahrung.
☐ Es fällt ein ungewöhnlicher Geruch oder Geschmack im Warmwasser auf.
☐ In Teilen der Trinkwasserinstallation treten lange Stagnationszeiten auf (z. B. selten genutzte Leitungsabschnitte).
1Vgl.: Umweltbundesamt (UBA): „Bisphenol A – Massenchemikalie mit unerwünschten Nebenwirkungen“, 2010, (zuletzt gesehen am 09.06.2025).
2Vgl.: DVGW – Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches e.V.: „DVGW-Forschungsbericht W 201833: Studie zum Vorkommen von Bisphenol A und Nonylphenol im Trinkwasser“, 2019
3Vgl.: Promotec GmbH (im Auftrag des BAFU Schweiz): „Bipro-Studie: Bisphenol A in beschichteten Leitungen“, Promotec 2015, (zuletzt gesehen am 09.06.2025).
4Vgl.: DVGW – Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches e.V.: „DVGW-Forschungsbericht W 200902: Migration von Spurenstoffen aus Kunststoffen in das Trinkwasser“, 2009
5Vgl.: EFSA – Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit: „Scientific Opinion on the re-evaluation of Bisphenol A (BPA) in food“, EFSA Journal 2023;21(4):7908, (zuletzt gesehen am 09.06.2025).
6Vgl.: Bundesministerium der Justiz (BMJ): „Verordnung über die Qualität von Wasser für den menschlichen Gebrauch (Trinkwasserverordnung – TrinkwV 2023)“, (zuletzt gesehen am 09.06.2025).
7Vgl.: Europäische Kommission: „Richtlinie (EU) 2020/2184 über die Qualität von Wasser für den menschlichen Gebrauch“, (zuletzt gesehen am 09.06.2025).